Allie X – ein Popkonzert

Ich war schon auf den verschiedensten Konzerten, von Rap über Punk bis zu Metalcore. Aber am vergangenen Mittwoch wurde es das erste Mal ein Popkonzert. Ich kannte Allie X von Youtube und war fasziniert von dieser Instagram-Ästhetik und auch die Musik fand ich nicht schlecht. Hier mein der Konzertbericht (s/o an meine Kamera, die den Geist aufgegeben hat, deshalb Handybilder):

Drinnen läuft Alt-J und vor dem Badehaus befindet seit einigen Minuten eine kleine Schlange mit großer Disperenz. Das Publikum ist 14-59 Jahre alt und – für ein Pop-Konzert wahrscheinlich nicht überraschend – nüchtern. Vor der Eingangsveranda seht der Türsteher – ein schwarzer Mad Max – und fragt die Leute trotzdem, ob bei ihnen alles gut ist. Eingeschüchtert versteckt sich ein weiblicher Teenager hinter seinen Eltern. Es scheint ihr erstes Konzert zu sein, Allie X ein Idol der Jugend. Unter Anderem. Allie X ist auch die Angebetete einiger junger Herren (die einzigen, die wohl etwas mehr im Tee hatten), außerdem eine interessante Art-Show, für manche auch die, von der dieses Lied aus dem Club war und eigentlich ist sie irgendwie alles.

Die Berliner R’n’B-Pop-Duo Eveline lässt das Publikum aufmerksam und schunkelnd dem Swing und dem Croon lauschen. Die lila-roten Lichter tanzen dank der sieben Diskokugeln an der Decke durch das Badehaus. Man wird warm und das Schunkeln wird ausfallender. Die Sängerin Lisa Kögler beeindruckt mit Stimmgewalt und -kontrolle während Jan Eric Markert enthusiastisch das Keyboard zupft. Erst der Jazz-Pop vom letzten Song reißt die Leute aus ihrer Faszination und bringt sich richtig zum tanzen. Dann läuft wieder Alt-J und es wird sich neues Bier, neue Mate oder Karamals geholt.

Der Raucherbereich ist der Weg zum Backstage und kaum jemand bemerkt, wie Allie X eintrifft. Sie sieht nach Steampunk, Plastik-Barock und sehr gut aus. Es wird mich noch sehr schocken, wenn ein Freund mir erzählt, dass Allie schon 32 ist.

Nachdem alle Songs von Alt-J durchgelaufen sind, macht sich die Kanadierin aus dem Backstage auf in Richtung Bühne. Anglizismen, „Extremst“ und „Mega“ hallen durch die Räumlichkeiten. Dann nur noch „Bitch“. Guter Opener. Allie klingt wie Lana Del Rey, aber hat eine funky Lennon-Sonnenbrille auf und kniet auf dem Boden. Die Szenerie erinnert an sehr ästhetischen Exorzismus, dann wummert der Bass und niemand hält sich mehr zurück. Der ganze Sall schreit.

„I’m your bitch, you’re my bitch – boom boom“

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Das Instrumental und generell alles klingt irgendwie mehr nach Indie als auf Youtube. Das ändert sich zwar von Song zu Song, aber teilweise liegen wirklich Welten zwischen Live und Studio. Live gefällt mir tatsächlich um einiges besser. Im Laufe der Show gibt es noch richtigen 80’s-Vibe, Allie zuckt im Takt und reißt unter Croon-Gesang den Mikrofon-Ständer hin und her. Der Funk-Break mittig der Show macht mir viel mehr Spaß als der Bass und Beatdrop vom Band. Der Gitarrist hat ein solides Spiel, aber seine Skills betreffen eher die Effekte, es wird sich Mühe gegeben viel an Sound auf der Bühne zu produzieren, Loops werden eingespielt, Drum-Pads benutzt. Allie selbst spielt die ganze Zeit auf ihrem leuchtenden Keyboard Loops ein. Ihr extravaganter Auftritt mit der „No Fucks given“-Attitude überzeugt und bekommt nur winzige Risse, als wirklich jeder bei „Paper Dreams“ mitpfeift und sie ein breites Lächeln nicht zurückhalten kann.

Zum Ende hin wird es immer ruhiger, es wurde genug getanzt, jetzt wird nur noch gefühlt. Beim letzten Lied baut der Drummer, der übrigens einen sehr guten Job gemacht hat, schon ab und die zwei Zugaben bleiben balladig. Dem Publikum gefällt es sichtlich, denn als wieder Alt-J läuft liegen die Gesichtsausdrücke zwischen betrübt und begeistert. Pop-Konzerte können also gut sein und es gibt tatsächlich Pop-Künstler, die sich Mühe geben und die auch ein gewisses Talent mitbringen, sich nicht alles machen lassen. 

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