YRRRE Pressebild

„Im Zweifelsfall kicke ich auf jeden Fall eher den guten Reim, als das Gefühl.“ – YRRRE im Interview über sein neues Album „Feinstaub“

Mit seinem selbstbetitelten Debütalbum machte der Rapper, Producer und Sänger YRRRE sich 2018 zum Geheimtip unter AuskennerInnen, es folgten ein Plattenvertrag samt Vinyl-Reissue sowie Features mit u. a. Fatoni, Dexter und Goldroger, der YRRRE 2019 ebenfalls als Support-Act mit auf Tour nahm. Im Februar 2022 veröffentlichte YRRRE nach einigen Vorabsingles nun das neue Album „Feinstaub“. Auf den 14 Songs seines Zweitlingswerks verpackt der mittlerweile Wahlleipziger abermals feinfühlige Selbst- und Alltags-Beobachtungen zwischen hoffnungsvoller Lebensfreude und wiederkehrender Lethargie in unaufgeregt durchdachte Texte mit ganz eigener Handschrift. „Feinstaub“ entstand zusammen mit Produzent Cap Kendricks, der bereits einige Remixe zur Vinylversion des ersten „YRRRE“-Albums beisteuerte. Als Feature-Gäste sind Orsons-Mitglied Maeckes, John on a Mission und Christopher Annen von AnnenMayKantereit auf dem Longplayer vertreten. Wir sprachen mit YRRRE über die Entstehung von „Feinstaub“, die Wichtigkeit von Achtfach-Reimen und den Einfluss von Rap auf Popmusik.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Hi YRRRE, schön, dass du die Zeit gefunden hast. „Feinstaub“ ist jetzt schon einige Tage draußen, wie geht es dir mittlerweile? Der Weg bis zum Album war ja glaube ich nicht ganz einfach?

Hallo, sehr gern doch! Eigentlich geht es mir ganz gut. Die Resonanz war wirklich überwältigend schön. Ich merke aber schon, dass ich in den letzten Monaten bereits ein wenig auf meine Reserven zurückgreifen musste. Nun sollte ich also definitiv erst einmal darauf achtgeben, dass ich diese wieder aufstocke, weil ich sehr gern mit der selben Energie weitermachen würde.

Zum ersten Mal Musik von dir gehört habe ich 2016 auf dem Song „So wie es ist“ mit Bennedois, dann gab es ein paar weitere Features im Umfeld der Noldi Gang aus Dortmund, dann bist du glaube ich nach Berlin gezogen und Ende 2018 kam das „YRRRE“-Album. Stimmt das so bzw. kannst du das vlt. etwas ergänzen, bitte? Wie lange rappst und produzierst du z. Bsp. schon?

Haha, allerbeste Grüße an die Jungs in Dortmund auf jeden Fall. Ich mache letztendlich schon eine halbe Ewigkeit Musik, aber das, was es nun ist, hat sich eigentlich auch erst so richtig mit meinem Umzug nach Berlin entwickelt. Ab dieser Zeit habe ich mich wirklich sehr dahinter geklemmt, herauszufinden wo die Reise eigentlich hingehen soll und mich im Stillen auch intensiver mit Produktionen und Songstrukturen auseinandergesetzt. Das erste YRRRE-Album ist daher auch in ziemlicher Isolation entstanden, da ich mir gar keine Meinungen einholen wollte, ehe ich nicht das Gefühl hatte, dass ich das einfach nur für mich mache.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Das erste Album entstand während einer von Tiefs geprägten Phase in deinem Leben, was man auf der Platte auch deutlich hört. Das neue Album klingt positiver, aber hat immer noch diese YRRRE-typische Schwermütigkeit, was der Titel „Feinstaub“ ja glaube ich auch ausdrücken soll. Was ist zwischen den Alben passiert, ging es dir während der Entstehung von „Feinstaub“ besser als beim ersten Album? Oder würdest du sagen, deine Musik braucht auch irgendwo Krise und Trouble, um so zu werden, wie sie ist?

Dass musikalisch ein gewisses Aufschwunggefühl vermittelt wird, war mir tatsächlich super wichtig. Ich würde aber gar nicht unbedingt sagen, dass es mir während der Entstehung des neuen Albums besser oder schlechter ergangen ist. Auch in den letzten beiden Jahren gab es Punkte, an denen es mir sehr schwer fiel, fokussiert zu arbeiten, weil alles irgendwie ein wenig brach lag. Aber ich habe immer wieder versucht, mich daran zu erinnern, dass mir schon so viele tolle Dinge passiert sind, nur weil ich Musik mache. Das ist ja alles nicht selbstverständlich. Im Grunde ist es nach wie vor ein ständiges Auf und Ab, ich hatte jedoch das Glück mit sehr vielen Baustellen während des Albumprozesses auf eine gewisse Art und Weise abschließen zu können. Das Chaos ist aber mit Sicherheit nach wie vor ein wichtiges Element bei der Entstehung meiner Songs. Wenn es mir so richtig, richtig gut geht, mache ich tatsächlich auch relativ wenig Musik und kümmere mich eher mal wieder um soziale Komponenten.

Dein erstes Album hast du komplett in Eigenregie produziert, „Feinstaub“ ist jetzt zusammen mit Cap Kendricks entstanden. Wie lief der musikalische Prozess und die Arbeitsteilung dabei ab? Ich glaube, auf dem neuen Album sind auch viel mehr echte Instrumente zu hören, Benno Gut hat meine ich z. Bsp. auch manche Gitarren eingespielt?

Zu Beginn habe ich wieder sehr viele Skizzen in Eigenregie angefertigt und mich ganz schön verkopft. Manchmal ist es aber schon schön, wenn man damit nicht alleine ist und es noch jemanden gibt, dem ein Song so unglaublich wichtig ist, dass alles Restliche stehen und liegen gelassen wird. Diesbezüglich hatte ich mit Cap sehr viel Glück, da er meine Vision komplett verstanden hat und es mit ihm riesigen Spaß macht, die losen Ideen in meinem Kopf weiter zu verfolgen und auf den Punkt zu bringen. Daraus ist dann wirklich schnell ein ziemlich gut funktionierendes Team entstanden und für alles andere, wie z. B. ein paar Instrumente, die wir halt einfach nicht selbst spielen, haben wir dann befreundete Artists mit ins Boot geholt.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Der Sound des Albums klingt total eingeständig, ich würde sogar sagen, ich habe sowas aus Deutschland noch nicht gehört. Wie hat sich dieses Klangbild ergeben, gab es da sowas wie eine Zielvorstellung, die ihr von Anfang an verfolgt habt oder prägende Einflüsse?

Oh, das freut mich unglaublich! Vielen lieben Dank. So richtig hat sich das erst bei der Entstehung eingeschlichen. Letztendlich war es mir jedoch total wichtig, ganz viel auszuprobieren und auch völlig offen an die Gestaltung des Soundbilds heran zu gehen. Mir macht es persönlich einfach am meisten Spaß, wenn man sich im Vorfeld keine Grenzen setzt. Wenn mich etwas zu sehr an jemand anderen erinnert, verwerfe ich es auch recht schnell wieder.

Ich habe gelesen, dass dir die Tracklist und das Album als ganzes auch sehr wichtig waren bzw. sind. Du hast auch Verbindungen zwischen deinem ersten Album und „Feinstaub“ gesponnen, z. Bsp. ein umgekehrtes Sample vom Song „Kalt“ vom „YRRRE“-Album auf „Ziplock“; auf „Netflix“ sagst du, dass du dich gefühlt hast wie eine „Wasserleiche“, das war ein Songtitel vom ersten Album und wahrscheinlich gibt es noch mehr solcher Stellen. Ist das für dich das nächste Level von Tracklisting, über mehrere Veröffentlichungen hin ein zusammenhängendes Gesamtkunstwerk schaffen?

Voll schön, dass dir das aufgefallen ist, das freut mich mega! Durchaus – das ist natürlich meine absolute Wunschvorstellung. Also, dass man am Ende den ganzen YRRRE-Katalog durchhören kann und es ein großes Ganzes ergibt. Aber ich glaube auch, dass das gar nicht mal so leicht ist. Sprechen wir in 10 Jahren nochmal. (lacht)

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Aufgrund deiner Vortragsweise und der gesamten Produktion fällt es einem gar nicht so direkt auf, aber du rappst, auch auf dem neuen Album wieder, egtl. auf einem technisch sehr hohen Level was Reimketten, verschiedene Flows und echt lange, mehrsilbige Reime angeht. Ich glaube auf „Feinstaub“ sind teilweise sogar Sieben- oder Achtfach-Reime dabei, aber so low key, dass es nicht unangenehm als der in Deutschland geliebte wie gehasste „Zweckreim-Porn“ oder „Kreuzworträtselrap“ auffällt. Wie wichtig sind dir Rap-Skillz bei deiner Musik?

Als Konsument würde ich fast sagen, dass es mir immer unwichtiger wird. Aber sobald ich selbst schreibe, passiert sowas oftmals einfach. Es haben sich natürlich über die Jahre auch bestimmte Mechanismen eingebrannt, die man gar nicht so einfach abschütteln kann. Im Grunde liegt es mir einfach am Herzen, dass es fließt und sich natürlich anhört. Im Zweifelsfall kicke ich auf jeden Fall eher den guten Reim, als das Gefühl.

Mir ist aufgefallen, dass du auf dem neuen Album bis auf Eigennamen egtl. auch gar keine Anglizismen benutzt und es deswegen auch nicht so typisch „rappig“ klingt. War das eine bewusste Entscheidung, um die Lyrics mit dem auch nicht komplett im Rap verhafteten Soundbild in Einklang zu bringen?

Das habe ich mich tatsächlich auch schon einmal gefragt. Ich glaube, dass es schlicht an meinem persönlichen Empfinden liegt. Bevor ich „sad“ sage, sage ich lieber „traurig“, weil „traurig“ letztendlich einfach trauriger klingt. Ich finde, es gibt selten englische Begriffe, die wuchtiger klingen, als die deutschen Vertreter. Wenn ich jetzt totale Lifestyle-Songs machen würde, würde sich das vermutlich auch beißen, aber ich glaube fast, dass es bei meinen Songs auch super wichtig ist, dass ich mich textlich nicht in Anglizismen verliere.

Ich finde, dass Rap, vor allem auch durch die Kompatibilität von Trap-Drumpatterns mit scheinbar jedem Genre, musikalisch mittlerweile einen großen Einfluss auf Popmusik hat und sich das auch textlich niederschlägt. Mittlerweile scheint es auch in Pop-Kreise durchgedrungen zu sein, dass Reime auch über Haus-Maus-Level hinausgehen können und es sich trotzdem noch gut anhört, vlt. auch, weil eine jüngere Audience mittlerweile durch den Rap-Einfluss da textlich mehr gewöhnt ist. Und sicherlich, weil mittlerweile auch mehr RapperInnen in den Writing-Sessions für Pop-Acts sitzen. Glaubst du, Pop-Musik kann von dieser textlichen Finesse, wie du sie auch mitbringst, profitieren? Schreiben RapperInnen die besseren Pop-Songs?

Ich glaube schon, dass der Rap-Einfluss der Popwelt sehr gut tut. Da wo es dann unspannend wird, ist wenn alle Songs nur noch von denselben Rappern geschrieben und um angesagte Schlagwörter gesponnen werden. Das finde ich ein wenig schade, denn eigentlich sehe ich da noch viel mehr Potential. Ich kenne aber auf jeden Fall einige Rapper, die wirklich unglaubliche Popsongs schreiben. Wenn ich dann aber mal den Stift für andere Leute erhoben habe, wurde mir oft gesagt, dass es zu kompliziert ist.

Würdest du denn überhaupt sagen, du machst Rap-Musik? Ich habe deine Musik vorläufig mal „Indie-Trap-Pop“ genannt; wie würdest du euren Sound genremäßig einordnen, falls du das überhaupt machen würdest?

An dieser Frage scheitere ich immer kläglich. Früher habe ich lediglich gesagt, dass ich experimentellen HipHop mache, wenn mich jemand danach gefragt hat, aber das ist vermutlich auch ein wenig veraltet. Im Grunde mache ich eigentlich immer das, worauf ich gerade Lust habe und schließe absolut kein Genre aus, um damit zu spielen. Aktuell ist es vielleicht wirklich sowas wie Indie-Hip-Pop. Da fühle ich mich eigentlich ganz wohl.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Auf dem neuen Album sind wieder einige Text-Stellen, die man nicht so ohne weiteres versteht. Du hast im Listen2Interview-Podcast gesagt, du möchtest es erklärungsmäßig egtl. gerne bei dem, was du in den Songs sagst, belassen, auch um Interpretationsspielräume in deiner Musik erhalten. Würdest du vlt. ein paar Schlagwörter enträtseln für die verzweifelten Genius-Annotators oder glaubst du, dass es mit Song-Texten evtl. so ähnlich ist, wie wenn man Zaubertricks erklärt?

Das kommt immer ein wenig auf den Song an. Bei manchen Songs möchte ich bewusst sehr vage sein, da der jeweilige Interpretationsspielraum auch ganz schnell zu einer Abstellkammer werden kann. Ich finde es immer schön, wenn man nicht allzu eindeutig ist, denn letztendlich kann sich ja jede Person daraus mitnehmen, was sie als für sich richtig erachtet. Ich habe schon von vielen Leuten gehört, dass sie einen Song nach einer gewissen Zeit ganz anders wahrgenommen haben, als sie es noch zu Beginn getan haben. Es kam auch schon mal vor, dass mir erst Monate später selbst klar wurde, warum ich genau das gesagt habe, was ich da gesagt habe. Das macht Songs irgendwie lebendig und da möchte ich eigentlich nicht eingreifen.

Falls du es erklären magst: Was sind z. Bsp. die „King Kong Kicks“, so heißt ja ein Song auf „Feinstaub“? Ich weiß, dass es mal eine Indie-Partyreihe, auch im Ruhrgebiet und Berlin, gab, die so hieß? Im Song wird „Get Lucky“ auf jedem Sender gespielt, der Daft Punk-Song kam 2013 raus, das würde zeitlich auch passen mit den Parties?

Exakt. Das ist eine wunderbare Partyreihe, die ich damals im Ruhrgebiet kennen gelernt habe und mit der ich eine ganz bestimmten Zeit in meinem Leben verbinde. Dieses Gefühl wollte ich mit dem Song auf jeden Fall einfangen.

Im Album-Bundle war u. a. auch ein Stressball. Wie kam es zu der Idee?

Ich kann absolut nicht still sitzen, wenn ich kreativ bin oder neuer Musik lausche. Diesbezüglich fand ich die persönliche Note einfach schön, also die Vorstellung, wie jemand sich die Vinyl zu Gemüte führt und den Stressball dabei in Mitleidenschaft zieht. Wir fanden etwas leicht therapeutisches auch irgendwie sehr passend. Ich hätte mir bei der Entstehung des Albums auch oftmals einen herbei gesehnt. (lacht)

Du hast „Feinstaub“, wie auch das Re-Release vom ersten Album, bei Irrsinn Tonträger rausgebracht. War das nur Zufall mit der Namensverwandtheit oder steckt da mehr dahinter?

Das ist tatsächlich bloß eine wundersame Fügung des Universums gewesen. (lacht)

Du hast an anderer Stelle schon gesagt, dass du bis zum neuen Album ca. 60 Songs aufgenommen hast. Können wir in nächster Zeit also einiges an Output von dir erwarten? Eine Spotify-Single pro Woche und datpiff.com wird mit YRRRE-Mixtapes geflutet?

Also ich sollte vielleicht mal klar stellen, dass es sich dabei nicht unbedingt um komplett fertige Songs handelt. Einiges davon werde ich mit Sicherheit noch weiter verfolgen, weil da echt noch viele Songs dabei sind, die mir sehr am Herzen liegen, aber nicht auf das Album gepasst hätten. Ich werde mich definitiv bemühen, nicht wieder Jahre verstreichen zu lassen, ehe neuer Output kommt. Die Motivation ist momentan auf jeden Fall da.

Man munkelt auch, dass du bereits an einem Projekt mit Melbeatz arbeitest. Wie kam das zustande und kannst du dazu vlt. schon etwas verraten?

Tatsächlich habe ich mich in der letzten Woche mal wieder mit ihr getroffen, um weiter daran zu arbeiten. Allzu viel möchte ich darüber aber auch noch nicht verraten. Mit ihr zu arbeiten hat auf jeden Fall immer etwas sehr Magisches inne und ich hab richtig Bock die Skizzen, die wir bisher gemacht haben, fertig zu machen. Der Kontakt kam damals über unseren gemeinsamen Verlag zu Stande und ich bin nach wie vor super froh, dass wir so gut zusammen funktionieren. Ihre Produktionen haben definitiv einen großen Anteil daran, dass ich der Rapmusik in meiner Jugend überhaupt so verfallen bin.

Cool, wir freuen uns drauf. Vielen Dank für das Interview!

Ich danke euch. 🙂

„Feinstaub“ von YRRRE ist auf allen digitalen Musikplattformen sowie als Vinyl erhältlich. Kurz nach dem Album legte YRRRE noch die Bonus-Videosingle „Schlangenlinien“ nach, die den Zeitraum vor der LP-Veröffentlichung visuell etwas dokumentiert:

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Live ist YRRRE in nächster Zeit als Support bei drei Dates der ANGER BABY TOUR von DISSY zu sehen: Am 02.04.22 in Köln, 09.04.22 in München und 10.04.22 in Erfurt. Folgt YRRRE auf IG, FB oder Twitter für weitere Infos und Neuigkeiten.

(Fotocredit: Christoph Szulecki)