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Mavgic im Interview: „Ich habe 10 Jahre gearbeitet, nebenbei studiert und bin den ‚German way of life‘ gegangen, also fuck it.“

Mavgic hat eine neue EP. Was liegt da näher, als das Gespräch zu suchen. Denn irgendwie läuft man sich seit zwei Jahren unregelmäßig über den Weg, ist in vielen Dingen scheinbar auf der gleichen Wellenlänge und wer die Blaupause für OnBeat-Battles in Deutschland geschaffen hat, ist mir von vornherein schon sympathisch. Zudem soll die EP der Startschuss in einen neuen Lebensabschnitt sein. Dementsprechend viel hätte Mavgic zu erzählen. Na, dann mal los!

Ist das dein erstes Interview?

Tatsache! (lacht) Ich war vor 1 1/2 Jahren zu Gast im Mundmische-Podcast (Tamo-Flage & Scotch), wobei das mehr Gespräch als Interview war.

Und damals beim VBT gab es eine Art Q&A in Videoform. Allerdings habe ich vor Kurzem alle VBT-Sachen löschen lassen. Weil ich sie nicht mehr ansehen und ich mich – fast zehn Jahre später – inhaltlich nicht mehr damit identifizieren kann. Also abgesehen von den DLTLLY-Interviews nach den Battles ist das hier eigentlich mein Debüt mit dir, Glückwunsch! (lacht)

Ich habe einen Blick auf deinen Spotify-Account geworfen und war über deine monatlichen Hörer (ca. 27.000) positiv überrascht. Deine letzte EP ist schon 1 1/2 Jahre alt und dein letztes Battle war 2019. Was ist der Grund für diese stabile Hörerschaft – noch immer das VBT? Pimf?

VBT hat damit wohl gar nichts mehr zu tun. 2013 habe ich mich zwar noch irgendwie ins Viertelfinale gemogelt, aber da hat sich schon niemand mehr dafür interessiert. Dementsprechend bin ich davon zum Glück auch so gut wie gar nicht gebrandmarkt.

Meine Hörer*innen sind seit Ende letzten Jahres kontinuierlich gewachsen, weil ich mit Pimf im August noch einen miesen Shlapper rausgehauen habe („Komm mit mir“). Mittlerweile steht er bei 250.000 Plays. Das spielt uns natürlich gut und die Karten und ist perfekt für den Algorithmus, um das “Taxi Tape Vol. 1” zu pushen.

Dementsprechend bin ich zufrieden und gespannt, was noch so geht, wenn die EP erscheint. Vor allem, weil kein Video mehr dazu kommt. Vielleicht ein paar kurze selbst zusammengeschnittene Videos in Form von TikToks oder Reels, aber that’s it – weiter geht’s!

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Eine Zeile aus deiner EP, die mir am stärksten hängengeblieben ist, ist „Irgendwann steig’ ich aus dem Benz, aber zuallererst steig ich aus dem Hamsterrad“ – du hast deinen Job vorerst auf Eis gelegt um dich auf Musik zu konzentrieren. Wie verlief der Weg bis zu dieser Entscheidung?

Ich war die letzten zehn Jahre in ein und derselben Firma tätig und man hat sich immer mehr festgefahren. Gar nicht mehr nach links und rechts geguckt, sondern ist nur den vermeintlich richtigen Weg – wenn man aus einer 80.000 Einwohner „großen“ Stadt kommt – gegangen. Man hat zwar über die Zeit Verantwortung getragen, konnte sich auch ein Stück weit damit identifizieren, aber wofür machst du es? Dass du einen anständigen Lohn hast, in den Urlaub fahren kannst um deine Energie wieder aufzutanken? Damit es wenig später wieder von vorne losgehen kann? Anstatt deine Zeit und Energie in dich selbst zu stecken?

Pimf schickt mir dann so um 7 Uhr morgens – wenn ich aufstehen muss um zur Arbeit zu gehen – einen neuen 16er plus Hook, den er gerade geschrieben und aufgenommen hat und der wieder ein Hit ist, während ich – gerade über das letzte Jahr hinweg … neben der Arbeit fast keine Energie mehr für Mukke hatte. Was ich 2020 mit einer EP noch hinbekommen habe, ging irgendwann einfach nicht mehr.

Viel hat natürlich auch die Pandemie dazu beigetragen. Man hat gemerkt wie viele vermeintlich „normale“ Leute aus deinem Umfeld plötzlich angefangen haben, alles zu überdenken, gemerkt wie unzufrieden sie eigentlich sind und wie kurz das Leben ist. Parallel dazu war der Beginn der Pandemie, auch das Jahr, in dem bei „Lagunenstyles“ viel losgegangen ist. Pimf hat im August 2020 mit „final.wav“ begonnen, kurz danach kam meine EP raus, dann hat Grinch seine “INDA” EP gedroppt und wir alle haben gesehen, wie viel geht bzw. gehen kann. In dieser Gruppenkonstellation aus Künstlerkollektiv, Freundeskreis und Label pusht man sich ja auch gegenseitig und hat einen ganz anderen Antrieb und viel mehr Energie.

Trotzdem hat es dann doch noch mal fast ein Jahr bis zu meiner Entscheidung gebraucht. Ich war letzten September mit meiner Freundin in Griechenland im Urlaub, habe mir dort noch einmal zwei Wochen darüber den Kopf zerbrochen und dann final den Entschluss gefasst. Das war die beste Woche seit Jahren.

Natürlich ist es auch ein Privileg solch einen Schritt gehen zu können. Aber ich habe zehn Jahre gearbeitet, nebenbei studiert und bin den „German way of life“ gegangen, also fuck it. Wie Marteria mal sagte: „Die größten Fehler sind die, die man nicht gemacht hat.“ Ich will nicht mit 60 Jahren dasitzen und mir in den Arsch beißen, dass ich es nicht wenigstens ein mal richtig angegangen bin. Ich hätte es aber wahrscheinlich auch nicht gemacht, wenn es „Lagunenstyles“ nicht geben würde und ich nicht auch irgendwo gemerkt hätte, dass da was gehen könnte.

Wie sind die ersten zwei Monate deiner Auszeit gelaufen?

Die ersten Wochen war ich total beflügelt. Habe mir To-Do Listen gemacht, sie abgearbeitet, habe mir Ziele gesetzt und bin auch direkt zu Pimf nach Hamburg. Alles was 2021 halt so liegen geblieben ist.

Es sind jetzt erst zwei von zwölf Monaten rum und mein Kopf fängt schon wieder an zu rattern. Ich hab’ noch kaum Mukke gemacht, sondern mich auf den Release konzentriert und finde mich jetzt schon wieder, wie ich mir zu viel Druck mache anstatt alles auf mich zukommen zu lassen. Dabei weiß ich gar nicht, was ich von mir selbst erwarte.

Das hört sich jetzt wieder sehr negativ an, ist es aber überhaupt nicht. Bisher fühlt sich alles gut an. Alles ist genau richtig so wie es gerade läuft. Ich werd’ nach einem Jahr wieder einen guten Job kriegen, wenn ich Bock hab, oder ich mach’ genauso weiter, wenn es sich richtig anfühlt.

Wenn man sich die Kommentare unter deinen Videos ansieht, ist oft von „Coolness“, „Style“ und „Attitude“ die Rede, was sie bei dir feiern. Dabei setzt du dich z.B. auf drei von fünf Songs auf deiner EP mit einem mehr oder weniger ernsten gesellschaftlichen Thema auseinander. Lässt es aber aufgrund von der erwähnten „Coolness“ nicht so klingen und nimmst „Jetski“ als erste Single, die nur von „Style“ lebt. Genauso war es auch bei deiner letzten EP und „Mama Anthem“.

Die EP („Rainbow Shots & Ankle Breakers“, 2020) hatte viel Selbstzweiflerisches in sich, aber war mein erstes Release seit drei Jahren. „Mama Anthem“ war deswegen der beste Song um “zurückzukommen”, weil einerseits Song und Video sehr catchy waren und andererseits mir das am meisten Spaß macht. Ich bin gar nicht der Typ für die ganz „deepen“ Songs. Zuallererst will ich ein gutes Feeling rüberbringen.

Alle Songs auf meiner aktuellen EP sind spontan und aus einer Laune heraus entstanden. Selbst „Ende“ und „OMG“ habe ich schnell heruntergeschrieben. Ich hatte nicht den Gedanken an eine EP oder nächste Single gehabt. Wenn ich mich einmal freimache und einfach drauflos schreibe, kommen meistens bessere Sachen dabei heraus, als wenn ich krampfhaft denke, dass ich jemand etwas beweisen muss.

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Wird es trotzdem irgendwann die privaten Mavgic-Songs geben?

Ich würde mich schon als Kopf-Mensch bezeichnen, der quasi alles zerdenkt, aber nach außen hin immer versucht positiv zu sein.

Das ist noch einmal ein ganz anderes Level, an das ich mich bisher wohl noch nicht herantrauen wollte. Persönliche Einblicke vermitteln ohne, dass es peinlich rüberkommt. Bei Sido und Eminem hat man damals zu deren Anfangszeiten gesehen, wie diese Entwicklung gelingen kann. Vom verrückten Vogel, der macht worauf er Bock hat, zu immer mehr ernsteren, persönlichen Themen und privaten Einblicken. Vielleicht wird sich das bei mir ja auch so entwickeln. Inhaltlich wohlgemerkt, ich will musikalisch auf keinen Fall den “Revival Eminem” hinlegen! (lacht)

Balancierst du die positive Stimmung auf deinen ernsteren Songs bewusst aus, damit es nicht zu arg ins Ironische umschlägt?

Ich finde es interessant zu hören, wie du es interpretierst, weil so viele Gedanken mache ich mir nicht darüber. Am bewusstesten war es mir wohl bei „Superstar“, der die Brücke zwischen der vorherigen – sehr verkopften – und der aktuellen – spontanen – EP geschlagen hat. Bei der letzten EP gibt es halt diese “Rainbow Shots” Seite, wo ich mich viel in Ungewissheit und Selbstzweifeln wiedergefunden und mich thematisch gefühlt zu oft wiederholt habe. Kann der “Wurf” überhaupt reingehen? Spielen die anderen einfach besser? Brauch ich’s gar nicht erst versuchen? – Deswegen ist “Superstar” auch als erster Song direkt nach Release der alten EP entstanden. Ich wollte das Ganze damit einfach abschließen und nach vorne gucken.

So ein Song wie „OMG“ entstand spontan an einem Samstagmorgen, nach dem ich auf Instagram wieder diese ganzen Motivationscoaches vor ihren Porsches habe stehen sehen. „Ende“ wiederum entstand nach dieser einen ganz schlimmen Folge von „Die letzte Instanz“, wo die Championsleague der weißen deutschen C-Prominenz plötzlich meinte, als Unbetroffene darüber entscheiden zu dürfen, was man denn nun noch sagen dürfte und was nicht. Weil sie so schnell entstanden sind und so nah am ersten Impuls waren und blieben, klingen die Songs so ironisch und nicht so bitterernst. Ich möchte in Zukunft aber nicht mehr so stark ins Ironische gehen, da es nicht wirklich etwas zum Diskurs beiträgt und wahrscheinlich nur noch mehr Salz in die Wunde streut.

Weil du es auf der EP thematisiert hast: Wie stehst du zu Oberflächlichkeit, falschen Werten, jemanden etwas vorspielen?

Mich langweilt vor allem Kreativlosigkeit. Jemand hat eine coole oder witzige Idee im Internet und jede*r reitet diese Welle mit bis es der absolute Status Quo ist. Aber spätestens ab diesem Zeitpunkt ist es schon wieder total regular und ausgelutscht.

Plötzlich hat jeder Discounter oder Mobilfunkanbieter Hip-Hop Elemente im Werbespot, jede hippe Agentur einen Hund als „Feel Good Manager“ und jede*r Zweite das exakt selbe TikTok Video ohne eigenen Input. Trends sind ja in Ordnung, aber wie viele haben sich 2017 dieses weiße Levi’s-Shirt gekauft, nur um zu sehen wie der halbe Schulhof damit rumläuft und um vielleicht selbst nicht ausgegrenzt zu werden. Da hängt ja noch viel mehr dran.

Beim Thema Inszenierung auf Instagram kann man jetzt ein Faß aufmachen, was das alles bei der Jugend kaputt macht. Wir geben uns in den Videos ja auch nicht als die Normalos. Du kannst flexen, aber in einem gesunden Rahmen und wo es niemanden allzu sehr beeinflusst, der in seiner Weltanschauung noch nicht gefestigt ist. „Falsche Versprechen“ ist da noch eine Stufe über „nur Instagramer*in sein“. Jeder von uns hatte doch einmal diesen Einen im Bekanntenkreis, der plötzlich in einem Schneeballsystem war und Treffen organisieren wollte.

Du hast Pimf schon erwähnt: Wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt?

Er hat mir 2013 einen Gastpart fürs VBT gemacht, nachdem ich ihn gefragt habe und Lupa – damals noch von rappers.in, heute MZEE – ihm wohl vorher eine Runde von mir gezeigt hat. Shoutout Lupa! (lacht) Im selben Jahr haben wir auf dem splash! quasi nebeneinander gezeltet. Unabhängig voneinander. Das ganze Wochenende wollte ich nicht rübergehen und sie „nerven“, obwohl die Connection ja im Grunde da war. Total bescheuert. Am letzten Abend sind Jotti und ich dann doch zu denen (Grinch, Kico, Pimf …) ans Zelt und saßen 5-6 Stunden dort, haben gequizzt, Spaß gehabt und uns gut verstanden. Ein Jahr später haben wir es wiederholt und wiederum 1-2 Jahre später sind wir dann sogar gemeinsam dorthin.

Alles ist ganz organisch gewachsen bis ich 2017 dann ins frisch gegründete „Lagunenstyles“ eingetreten bin und es 2020 dann endlich richtig losgegangen ist. Es hat ein bisschen gedauert bis wir uns alle gefunden haben, aber mittlerweile sind wir eine richtige Family geworden.

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Thema DLTLLY: Wie sind da deine Pläne? Das OnBeat-Titlematch gegen Cris Kotzen sollte auf der Tapefabrik 2020 stattfinden, wurde aber auf unbekannte Zeit verschoben …

Shoutout an Cris, hat auch eine neue Single draußen! Eine Woche vor dem Battle habe ich eine Whatsapp von Jamie bekommen: Tapefabrik wird nicht stattfinden“. Seitdem habe ich auch nichts mehr für dieses Battle gemacht. Es wird aber nachgeholt. Wahrscheinlich irgendwann in diesem Sommer. Ich hatte Cris auf der „Stream Jam 2021“ von Pilz und DLTLLY persönlich getroffen und er meinte direkt „Wenn wir es noch machen, dann lass komplett neu rangehen. Neue Beats, Runden …“

Wie groß sind deine Ambitionen in Zukunft was bei DLTLLY zu reißen?

Es wird definitiv kein Acapella-Battle mehr von mir geben. Da sehe ich mich einfach nicht mehr.

Diese OnBeat-Geschichte ist etwas, was ich wohl ganz gut kann und mir bisher auch gute Resonanzen gebracht hat, weswegen ich mich darauf konzentrieren würde. Wenn ich den Titel gewinnen sollte, gehen damit natürlich weitere Battles einher, die ich machen würde. So ein Abgang, wie Nedal (Nib) ihn damals geplant hatte, wäre natürlich optimal – den Titel im besten Fall ein paar Mal verteidigen und dann freiwillig an den Nagel hängen. Mal sehen, ob es überhaupt dazu kommt. Es gibt genug gute MCs bei DLTLLY und wir kochen alle nur mit Wasser.

Du sprichst es bereits an: Nedal Nib war 2018/2019 in einer ähnlichen Situation wie du und hat sich dazu entschieden keine Battles mehr zu machen, sondern sich total auf seine Musik zu konzentrieren. Weil er beides nicht zu 100 % machen kann …

Für mich ist es eine Frage wie man damit umgeht. Du siehst einem an worauf er seinen Fokus legt. Ob er fünf Battles in einem Jahr macht und nebenbei eine EP droppt oder nur ab und zu bei DLTLLY vorbeischaut, so wie ich.

Selbst wenn ich die Zeit hätte würde ich keine drei, vier Battles im Jahr machen. Egal, wie viele Tage man effektiv an einem Battle schreibt, ab dem Zeitpunkt, an dem du zusagst, bist du die ganze Zeit angespannt und dein Kopf ist nur noch bei diesem Battle. Um Musik zu machen brauchst du einen freien Kopf, den du nicht hast, wenn du dich für ein Battle vorbereitest. Da verstehe ich Nedal. Aber ein, max. zwei Battles pro Jahr gehen für mich aktuell klar!

Letzte Worte?

Shoutout Gilbert und Blokkbeats für das Gespräch, it was a madness! Checkt “Lagunenstyles” auf Insta, Youtube, etc! Wir stecken viel Liebe und Zeit in sämtliche Projekte und vor allem die Videos. Unabhängig davon ist der Scheiß aber auch einfach nur fresh und ihr solltet das auf dem Schirm haben. Trust me! Hört in das final.wav Playlistalbum vom Young MVP Pimf rein. Der Boy ist ein Superstar und das Jahr wird noch ganz wild!

Und nicht zu vergessen: Meine EP „Taxi Tape Vol. 1“ ist out now, lass Welle machen und folgt mir gerne überall rein – Ich mach hippen Rap Content im Levi’s Shirt, zusammen mit meinem „Feel Good Manager“-Hund.

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Hier könnt ihr die EP „Taxi Tape Vol. 1“ streamen:

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Fotocredit: @woodis.pictures (Instagram)